"Das müssen Sie also wissen!"04 04 2016

… wenn einer eine Reise tut …
Zum Beispiel kann es geschehen, dass man meint, von Klagenfurt nach Wien zu fahren mit nur einem Zug. Da sitzt man dann als einer, der seine Bahn-Erfahrungen vorzugsweise in Deutschland erworben hat – was das Glück verständlich erscheinen lassen mag, das sich einstellt, wenn man stundenlang Zug fahren und verlässlich im Internet arbeiten kann.
Und Arbeiten geht dann ja so: Laptop aufklappen, Kopfhörer einstöpseln, Musik anstellen und anfangen zu lesen und zu schreiben … Die Umgebung, das ist ja der Sinn dieser Übung, tritt damit zwangsläufig in den Hintergrund.
So kann es sich dann ereignen, dass sich die Plätze um einen herum leeren – was man wohl mitbekommt, aber nicht zum Anlass nimmt, sich weiter Gedanken zu machen. Eher ist da der Gedanke: fein, dann kann ich gleich noch telefonieren ohne meine Umgebung zu stören.
Diesem Gedanken hängt man nach – bis sich eine schwere Hand auf die Schulter legt und einen zu rütteln beginnt. Blickt man auf, um zu sehen, wer denn zu dieser starken Hand gehört: man schaut in ein finsteres Gesicht über einer Schaffner-Uniform.
Der Mann ist irgendwie wütend. Aufmerksam ist er nicht. Deshalb hat er schon zu sprechen begonnen, man sieht der Miene an, es muss sich um irgendetwas Vorwurfsvolles handeln. Man hat aber noch die Musik im Ohr, weshalb man kein Wort von seiner Rede verstanden hat bisher. Als man die Kopfhörer aus dem Ohr nimmt ist er schon dazu übergegangen, vorwurfsvoll den Kopf zu schütteln. Da kommt ihm die Frage „Was ist denn eigentlich los?“ gar nicht recht, denn jetzt muss er von vorn beginnen. „Also hören sie – der ganze Zug ist schon leer und Sie hocken immer noch hier herum!“ „Ja, warum denn nicht, ich will doch auch bis Wien.“ „Also, das kann doch nicht wahr sein: ich habe zweimal durchgesagt, dass wir nicht weiterfahren können. Das müssen sie also wissen. Alle raus hier, gleich kommt der Bus.“
Hm. Er hat es ja gesagt, also muss ich das wissen.
Da ist es wieder, das alltägliche Verstehensproblem: Der Sprecher sprach – die meisten Hörer hörten. Und wenn nun einer wie ich kommt und darauf bestehen will, er sei nicht Hörer gewesen, sondern einfach nur ein Reisender, dann darf man auf Verständnis nicht hoffen.
Denn so wird das im Alltag zumeist gesehen und erwartet – nicht nur bei der ÖBB: Wenn hinreichend deutlich und in der ortsüblichen Sprache gesprochen wurde und Verständigung doch nicht zustande kam, dann ist die Schuldfrage rasch geklärt: der Hörer kam seiner Pflicht nicht nach.
Da kannst du zehnmal die Sache studiert haben und begründen können, weshalb hier gar nicht kommuniziert wurde, denn dazu braucht es einen Hörer und der warst du eben nicht: am Ende nimmst du deine Sachen und stellst dich – schuldbewusst – zu den anderen in die Kälte.





Was ist Qualität - vom Aufhören und Anfangen09 03 2016

Ich habe einige Jahre in Schulbuchverlagen gearbeitet und hatte so mit vielen Kolleginnen und Kollegen zu tun, die hochengagiert daran gearbeitet haben, gute, qualitätsvolle Lehrmittel zu entwickeln, zu gestalten und zu vertreiben.
Zu den Fragen, die immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen diskutiert wurden, ohne je zu einem wirklich befriedigendem Ergebnis zu kommen, gehört die Frage: Was ist Qualität?

Inzwischen glaube ich wenigstens verstanden zu haben, weshalb es eine alle gleichermaßen überzeugende Antwort auf diese Frage gar nicht geben kann.
So verständlich es ist, wenn Schulbuchredakteur/innen Qualität in erster Linie nach fachlichen Gesichtspunkten beurteilen: kann man von engagierten Kolleg/innen im Außendienst verlangen, ebenfalls nach diesen Kriterien zu urteilen?
Wer jetzt - wie ich finde vorschnell - nickt, der stelle sich vor, mit welchen Herausforderungen Schule und Lehrer/innen oft konfrontiert sind: die Bildungsbürokratie hat sich wiedereinmal zu neuen Vorgaben entschlossen, diese sind kommuniziert - nur zur Umsetzung fehlt jede Handreichung. (Wenn Sie glauben, dieses Beispiel sei über-konstruiert, dann erkundigen Sie sich doch mal bei einer Lehrerin oder einem Lehrer - es dürfte wenige geben, die diese Situation noch nicht erlebt haben.) Und in einer solchen Situation spricht nun der Kollege vom Außendienst mit einer Gruppe von Lehrkräften. Wird jetzt, da die Umsetzung der neuen Richtlinie im Fokus steht, das Buch am ehesten überzeugen, das allein nach fachlichen Gesichtspunkten 'Qualität' liefert - oder eher jenes, bei dem die neuen Vorgaben schon eingearbeitet sind?
Und wird auf diese Weise nicht auch Tempo zum Qualitätskriterium? Kunden so rasch wie möglich zu liefern, was sie dringend brauchen - ist das nicht auch Qualität?
Noch schwieriger wird es, wenn man auf die Gestaltung von Lehrmitteln schaut und versucht, Qualität zu bestimmen - denn hier müsste man zunächst klar entscheiden können, wessen Einschätzung eigentlich die entscheidende ist: die von Gestaltungsprofis oder die von Nutzer/innen? Und wenn man sich für letztere entscheidet, wofür ja vieles spricht: welche Nutzer/innen sollen es denn sein - Lehrer/innen oder gar diejenigen, die mit diesen Lehrmitteln lernen sollen, nämlich die Schüler/inner?
Sie sehen schon, man wird diese Frage nicht eindeutig klären können, weil man eigentlich von Qualitäten spricht, denn je nach Aufgabe, Tätigkeit, Interesse und konkreter Situation ergibt sich eine neue, immer wieder andere Antwort.



Zu einer konstruktiven Auseinandersetzung über die Frage "Was ist Qualität?" wird man, so meine ich inzwischen verstanden zu haben, nur dann kommen, wenn man mit etwas aufhört und mit etwas anderem anfängt.
Aufhören nämlich sollte man damit, nach der einen Perspektive zu suchen, unter der allein man diese Frage beurteilen und entscheiden kann. Es gibt nie nur die eine Perspektive, es gibt viele. So wie es eben selten (und eigentlich nie) nur die eine Wahrheit gibt, höchstens Menschen, die die notwendigen Druckmittel besitzen, ihre Wahrheit für die allein gültige auszugeben, ohne dass man ihnen laut und offen widerspricht.
Und anfangen sollte man vielleicht damit, einmal die Perspektiven des anderen, der eine andere Meinung vertritt, genau verstehen zu wollen.
Das ändert dann die Art des Gesprächs, weil man sich Fragen stellt wo bisher Antworten waren.

Und das wiederum ändert dann alles.


Vom Fragen und Antworten09 03 2016



Ein Gespräch mit dem Direktor einer Neuen Mittelschule in Kärnten: „Was für ein Verhältnis haben Sie zu Ihren Schülerinnen und Schülern?“ Das Verhältnis wird als offen und vertrauensvoll beschrieben und so erfreulich, wie das Gespräch verlief, mag man das gern glauben. Nur würde man auch gern hören, was die Schüler dazu sagen.
Dazu kommt es nicht – und doch ergibt sich eine Situation, in der das Verhältnis zwischen Schülern und Direktor konkret erlebbar wird:
Wir sind nach dem Gespräch eingeladen, gemeinsam die Schule zu besichtigen. Direktoren (mehr als Direktorinnen) haben nach meiner Erfahrung zumeist die Angewohnheit, beim gemeinsamen Gang durch „ihre“ Schule die Schülerinnen und Schüler, die man unterwegs trifft, anzusprechen. Meist wird an dieser Stelle eine Frage gestellt der Sorte „Was macht ihr hier?“ oder auch „Wartet ihr auf jemanden?“.
In diesem Punkt unterscheidet sich der Klagenfurter Schuldirektor nicht. Sein Ton aber ist anders. Er fragt wie einer, der möchte den Gästen nichts vorführen, sondern etwas verstehen. Da ist etwas stimmig, es passt zu dem, wie die angesprochenen Schüler sich verhalten: sie setzen sich nicht „ordentlich“ hin, als ihr Direktor erscheint, sondern bleiben sitzen in der ihnen eigenen, „coolen“ Haltung. Sie antworten ihrem Direktor wie anderen auch, eher in Halbsätzen, aber durchaus freundlich, in ihrer Art. Sie sehen ihren Direktor dabei an wie einen, der hat ihnen eine vernünftige Frage gestellt, der bekommt eine Antwort wie andere auch. Und was sagt der Direktor beim Weitergehen? „Schönen Nachmittag euch!“ – Und bekommt dafür ein „Ihnen auch!“ mit auf den Weg.

Was seine Schule denn besonders mache, hatten wir noch gefragt. Die Antwort war denkbar einfach: „Unsere Schüler wissen, dass sie ernst genommen werden. Das ist das Um und Auf.“